Weltméta 2non14

Bildschirmfoto 2014-07-15 um 18.45.30Es ist nun weiß Gott genug geschrieben worden zu dieser Weltmétaschaft und am Ende des Texts sind wir noch lange nicht. Daher hatte ich bis heute morgen keine Absicht, diese Kakophonie ausgerechnet noch um meine Meinung verstärken zu müssen.
Bis mich ein Memo aus dem entfernten Kabul erreichte, „wo die auch schauen“, und sich ausdrücklich nach meinen, „wahrscheinlich hipsteresk ambivalenten Gedanken“ erkundigte. Nun denn, mit Ambivalenz kann ich noch immer dienen.
Ausgesprochen größenwahnsinnig, gottlos und ketzerisch, sich gegen den Fußball und seine Weltmeisterschaft stellen zu wollen. Aussichtslos, frustrierend und vereinsamend – unterm Strich einfach nur dumm.  Ausgerechnet in Deutschland und dann auch noch gegen die Nationalmannschaft, die nicht nur über alle Maßen beliebt, sondern regelmäßig auch noch sehr erfolgreich ist.
Abgesehen davon, dass man für diese Haltung endgültig nur noch Kopfschütteln erntet, wird man über mindestens vier Wochen hinweg einer beispiellosen gute-Laune-Folter unterzogen und alle paar Tage von der nächstgrößeren Euphoriewelle niedergewälzt.
Endgültig schizophren wird die Geschichte, wenn man sich dann trotz gegenteiliger Behauptungen der fesselnden Eigendynamik des globalen Turniers nicht entziehen kann und trotzdem immer wieder hinschaut – wider besseren Wissens.

Wenn die verbindende und mitreißende Kraft des einfachsten und damit beliebtesten Ballspiels der Erde neidlos anzuerkennen ist, sowohl auf globaler Ebene, als auch in den unzähligen Cafés und Kneipen in der Heimat, wo man bei schönstem Wetter an jeder Straßenecke schauen kann, mit jedem ins Gespräch kommt, wo man neue Freundschaften schließt und alte intensiviert, wo man gemeinsam (fußball-) historische Momente erlebt, in denen alle verstehen, dass diese Sache über den Milliardensummen steht, die um sie herum fließen, dass ihre mystische Magie auch von Herrn Blatter und seiner FIFA nicht zu korumpieren ist. Wie kann man standhaft GEGEN solch eine positive Kraft bleiben?!

Und wie kann man sich allen Ernstes GEGEN eine Mannschaft stellen, die diese positive Kraft ihr eigen nennt, die Millionen und Abermillionen über alle Grenzen hinaus Freude bereitet, die offenkundig hart und konzentriert arbeitet und tatsächlich als Mannschaft auftritt, die Spiel für Spiel bestreitet, immer mit Respekt, nie mit Angst, die über Jahre hinweg an diese Tür geklopft hat und nun verdientermaßen hindurchgetreten ist?!

Als Allererstes habe ich keinen Sinn für Nationen und ihre Fahnen. Ich glaube grundsätzlich nicht an Nationalstaaten und empfinde es als geradezu lächerlich, für die „Ehre einer Fahne“ streiten und am Ende vielleicht auch noch sterben zu wollen. Ein Weltturnier der Nationen passt also von vorneherein nicht in mein Weltbild.
Hinzu kommt eine über die Jahre gewachsene Antipathie für die deutsche Nationalmannschaft, ihre Protagonisten, ihre Vermarktung und ihre Anhänger. Die Nationalelf ist das „Premiumprodukt“ des DFB, das behauptet man dort sogar selbst. Eine Marke mit nationalem Anstrich, dadurch wertsteigernd, verkaufsfördernd und per Definition unantastbar.
Mit dem überwiegenden Teil der Fähnchen schwenkenden und unkritisch geilen Schlander habe ich keine Berührungspunkte und möchte auch niemals welche haben. Vom Deutschen Fußballbund weiß man – wenn man denn überhaupt etwas weiß -, dass er eine fast schon nazihaft selbstgefällige Herrschaft ausübt. Gut Fußballspielen alleine reicht nicht aus, um in diesem illustren Kreis dabei zu sein, es braucht die rechte Gesinnung, ein ordentlich deutsches Gewissen, ein paar sauber geleckte Ärsche und bloß keine Nachfragen oder gar Kritik. Wer alle diese Gebote einhält und zudem noch ein wenig Glück mitbringt, hat so ca. alle 20 Jahre die Chance auf Unsterblichkeit.

Selten wurde eine Fußballweltmeisterschaft so kritisch beäugt wie diese in Brasilien, zumindest in ihrem Vorfeld. Dafür verantwortlich sind meines Erachtens zweierlei Entwicklungen.
Auf der einen Seite betreibt der Weltverband FIFA eine zunehmend offensichtliche, bald extreme kommerzielle Ausschlachtung der unschlagbar starken Veranstaltungsmarke „WM“. Die Turniere 2018 und 2022 wurden ausschließlich nach finanziellen und geopolitischen Gesichtspunkten vergeben, damit ist der „FIFA World Cup“ längst zu einem politischen Kommunikationsinstrument umgestaltet worden. (Gleiches gilt im übrigen auch für die Markenbotschaften multinationaler Konzerne rund um die Spiele, die zwar als unpolitisch gelten, in ihrer Werbung für das kapitalistische Modell der globalen Ausbeutung aber durch und durch politisch sind.)
Interessant ist in diesem Zusammenhang immer wieder die unverfrorene Heuchlerei des Weltverbands, der jegliche politische Einflussnahme auf „sein“ Spiel strengstens untersagt.
Verstärkt wird diese kritische Betrachtung des weltweiten Fußballbusiness durch das Aufkommen (sozialer) Medien, die insgesamt mehr dubiose und kriminelle Machenschaften zu Tage fördern als vor 20 oder 30 Jahren. Unter starken Mediennutzern, von denen es dazu immer mehr gibt, gilt es zunehmend als chic, Fehlentwicklungen anzuprangern, Videos und Fotos millionenfach zu teilen, oft ohne diese Quellen kritisch zu hinterfragen.

Im Ergebnis erhalten wir die beinahe sprichwörtliche Widersprüchlichkeit unserer Zeit. Ein globales Phänomen, das nicht widerspruchsfrei zu beurteilen ist. Selbst die eingefleischtesten Fußballfans werden ahnen, dass mit ihrem Götzenbild irgendetwas nicht stimmt. Der verdiente Titelgewinn der deutschen Mannschaft lässt für eine gute Weile gut darüber hinwegsehen. Fußball soll bestenfalls unterhalten und Spaß machen, beides gilt für Schweinsteiger & Co., die Gedanken über Korruption, Milizen und Yuppifizierung sollen sich mal lieber die anderen machen. Deutschland ist das geilste Land der Welt.

Was also tun, wenn man Helene Fischers Ballermannlied eher banal findet, wenn die kritischen Gedanken einfach nicht leise werden, wenn trotz 30 Tagen Alkoholrausch keine Euphorie aufkommen will, wenn man über die leichtfertig massenhafte Gleichschaltung der Menschen wieder nur staunen kann, wenn man die billige Schönfärberei der FIFA im Fernsehen auch nach 30 Tagen nicht fressen will, wenn man das alles einfach nicht so geil findet?!

„Die schönste und erhabenste Position ist die des respektvollen Kritikers.“ Dieser Gedanke erreicht mich am Morgen des Finaltages, zum Ende meines Spaziergangs mit dem Hund. Lernen ist im Allgemeinen die beste Antwort auf die Ambivalenz des Lebens, vielleicht sogar die einzige. Während dieser Weltmeisterschaft habe ich die Position des respektvollen Kritikers gelernt, nicht ohne heftig mit mir ringen zu müssen.
Gerne hätte ich die deutsche Mannschaft früh ausscheiden sehen, spätestens gegen Algerien. Mit einer Wette auf ihren Turniersieg habe ich mich frühzeitig gegen den GAU des Titelgewinns versichert, sozusagen als Schmerzensgeld.
Doch mit dieser Art von Gehässigkeit kommt man natürlich nicht sehr weit, glücklich wird man keinesfalls. Joachim Löws Weltmeistermannschaft hat sich meinen Respekt und den ihrer zahlreichen anderen Kritiker hart und redlich verdient. Die Geschichte von Jogi Löw beweist darüber hinaus noch zwei weitere Zusammenhänge:
1. Man kann ohne Probleme auch in der Öffentlichkeit Popel fressen und gilt weiterhin als sexy..
2. Utopisch erscheinende Ziele gelangen mit beständiger Arbeit und Geduld in den Bereich des Möglichen.

Sowieso ist es doch der mediale Terror, der in dieser Geschichte vom vierten Stern am meisten nervt, der Axel-Springer-Verlag oder die Promis auf twitter, die Selfies und der ganze andere Müll. Hier greift dann wieder die Shit-Wellen-Theorie: einfach ein bis zwei Schritte zurücktreten und die Welle vorbeirauschen lassen. Ohne Medienkonsum findet die Weltmetaschaft nicht statt, selbst wenn es ein paar Wochen dauern kann. Eine weitere Übung in der Konzentration auf das Wesentliche, das Spiel, die Freunde, den Sommer, das Bier und die hohe Fußballkunst von Mario Götze, Toni Kroos oder Manuel Neuer.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schöner Artikel — spricht mir aus der Seele. Auch wenn mich einiges am Team nervt, gönne ich doch fast jedem der Beteiligten den Titel.

    Die Kommerzmaschine Nationalmannschaft mit ihren Auswüchsen von schwarz-rot-geilen Schlandschreiern bis hin zu den fast schon skurril anmutenden Verdeckungen von antifaschistischen und antirassistischen Parolen bei Trainingseinheiten ist aber so unerträglich geworden, dass ich mir keinen WM-Sieg wünschen konnte. Daher habe ich meinen diesmaligen WM-Verzicht als sehr entspannend empfunden. Von moralischen Aspekten rund um ein solches Großereignis, organisiert von einer Organisation wie der FIFA, ganz zu schweigen…

    Aber bald geht ja wieder Fußball los — dann heißt es: ‚Nur FC, sonst nix!‘

    :)

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